Hermine erzählt von ihrer Schulzeit im Institut für Hörgeschädigte

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Eine sehr geprägte Zeit

Meine Kindheit verbrachte ich während der gesamten Schulzeit im Internat.
Aufgrund meiner Hörschädigung ging ich in das 120 km entfernte Straubing an das IfH (Institut für Hörgeschädigte).
Dies ist eine Schule speziell für Schwerhörige, Resthörende und Gehörlose.
Das Internat umfasste 30 Gruppen mit je mind. 10 Schüler und 2 Erzieherinen und mit 1em Praktikanten. Das Internat und die Schule wurden in 3 Komplexe aufgeteilt, je nach Hörschädigung.


Wir hatten einen geregelten Ablauf. Damit keiner nix tat, wurde uns einen Wochen-Arbeitsplan aufgestellt. Jeder durfte!! irgendeine Arbeit verrichten, z. B. Müll entsorgen, Küchendienst, Essen aus der Großküche holen, Tischdienst (Tischdecken) usw.

Um 6.20 Uhr war die Nacht vorbei, nun hieß es aufstehen, anziehen. Ein Schüler bzw. Erzieherin holte das Frühstück von der Großküche rauf. Der Tisch für den Frühstück wurde bereits Abends zuvor gedeckt.
Nach dem Frühstück machten wir uns an den Abwasch. Betten sollten noch sorgfältig gemacht werden. Waschbecken musste auch geputzt werden.

Nun machten wir uns für den langen Schulweg parat. Der war furchtbar lang. 5 min !!!!
8.00 Uhr beim Gongschlag Schulbeginn. Halt mal … da gab es ja keinen Gongschlag … denn wir hören ja fast nix oder gar nix. Der Unterricht verlief sowie an jeder Schule.

Um 13.00 Uhr ging es wieder zurück ins Internat. Mittagessen. Von14.00-15.00 Uhr oder länger waren die Hausaufgabenzeiten. Wer Hilfte brauchte, ging zu die Erzieherinnen, später wurde alles kontrolliert. In der Pupertät war das nicht so einfach … Auch ich hatte meine Lieblinge an Erzieherinen. Was die eine von mir wissen durfte, blieb der anderen vorenthalten. Zu meiner Lieblingserzieherin konnte ich einen ganz engen Draht aufbauen.


Nach den Studierzeiten hatten wir Freizeit, besuchten Freunde die in anderen Gruppen untergebracht waren, oder gingen in die Stadt. Oder wir betätigten uns im sportlichen Bereich. Es gab eine ganze Palette an Aktivitäten: Judo, Schwimmen ( hatten sogar ein eigenes Schwimmbad und Kegelbahn), Fußball, Volleyball, Kegeln, Handball, Tischtennis und das Beste … wir konnten auch Windsurfen lernen ( nur für die 10. Klässler).

Um 17.20 Uhr wurde das Abendessen hergerichtet Tischgebet gesprochen und anschließend wurde das Abendbrot einverleibt. Anschließend noch schnell den Tisch abräumen, Spüli ein- und ausräumen. Danach ging es nochmal in den Hof zum Austoben.

 

Die Bettgehzeiten war vom Alter abhängig, irgendwann zwischen 19.00 und 21.00 Uhr. Sobald das Gute-Nacht-gebet gesprochen wurde, gingen die Lichter aus. Psssssst … die Nachtruhe … von wegen … wir lagen erstmal eine Weile da … warteten bis alle Lichter ausgingen … und dann ging die Party los … 😀 .

Am Freitag ging es wieder nach Hause. Die Schultasche musste auch mit, denn am Freitag gab es auch Hausaufgaben.
In der zweiten Klasse vergaß ich doch komplett nach den Ferien meine Schultasche wieder mitzunehmen. Oh weh, Tränen kullerten:'( , als ich feststelle, dass die Büchertasche nicht mit dabei ist. Aber mein Lieblingslehrer, der Herr Bäuml, nahm dies mit Humor auf.

Ein weiteres Erlebnis, das ich nicht vergesse: Im Biologieunterricht 4. od. 5. Klasse, zum Thema Haut, wurde eine Probe geschrieben. Statt Schweißdrüsen schrieb ich Scheißdrüsen. Natürlich wurde dies von der Lehrerin Frau Huber vorgelesen, und sie hatte die Brüller an ihrer Seite.

Ach ja, unsere Betten mussten wir seit der 1. Klasse selbst beziehen.
Allen in allem war das Internatleben doch eine sehr schöne, geprägte Zeit, wir wurden ziemlich früh selbstständig. Wir waren wie eine große Familie. Letzte Woche träumte ich wieder, dass es hieß den Koffer zu packen, um mich auf den Weg nach Straubing zu machen.

 

Alle Illustrationen auf dieser Seite: © Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung e. V., Illustrator Stefan Albers, Atelier Fleetinsel, 2013.

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